Ausnahmezustand

Es ist der 10. März 2020. Vor einem Monat war ich mit meiner Frau im Schwarzwald im Urlaub. Das Wetter war etwas garstig, nicht so wie erwartet leider. Ausnahmezustand, denn anstelle von Langlauf mussten wir in der Ferienwohnung abwarten und den Sturm über uns ergehen lassen. Und heute? Der Tagi schreibt: „Ganz Italien wird zur Sperrzone“.  Vor zwei Wochen oder etwas mehr war alles noch normal, ausser einem etwas dummen Virus irgendwo in China. Heute muss ich mich fragen, ob ich zur Risikogruppe gehöre. Oder meine Mutter. Vom Alter her schon, offenbar auch von der Vorerkrankung her – Herzpatient mit Blutdrucksenkenden Medikamenten. Erhöhte Gefahr. Man solle zusammen stehen. Rücksicht nehmen auf die älteren Personen.

Wenn ich heute Radio höre oder die Nachrichten anschaue höre ich täglich neue unglaubliche Geschichten: Österreich lässt keine Italiener mehr einreisen. Flugverbindungen werden gekappt. Läden werden geplündert. In Italienischen Gefängnissen sterben Menschen die nicht damit umgehen können, dass sie keinen Besuch empfangen. Der Ölpreis sinkt. Die Aktienmärkte brechen ein. Der Bundesrat informiert täglich über infizierte und Massnahmen gegen das Virus: Social Distancing. Home-Office wo möglich.

Unsere Ferienplanung für dieses Jahr ist seit einigen Tagen lahmgelegt. Wo sollen wir hin? Wo ist es noch einigermassen sicher? Was kann man noch tun? In Italien darf man noch zur Arbeit, das gelte als „dringend notwendig“, alles andere nicht mehr. Kinos: zu. Theater: zu. Restaurants: zu. Kreuzfahrtschiffe sind die schwimmende Gefahr und tuckern irgendwo vor den Küsten dieser Welt und warten darauf, geleert zu werden. Noch vor einem Monat ärgerten wir uns über die vielen Winterstürme in diesem Jahr und die Wirtschaft schwächelte etwas, man sorgte sich.

Heute: Radio ein. TV ein. Geschichten, wie sie Hollywood nicht besser erfinden kann. Sorgen? Die Wirtschaft! Und die Alten, immerhin. Rezession. Crash. Und wir? Die Menschen?

Ich bin ganz ehrlich. Ich bin Optimist. War es mal und versuche es immer wieder zu sein. Ich frage mich, ob ich das ganze überhaupt richtig fassen kann. Wir funktionieren – irgendwie. Man informiert sich stündlich über den neusten Stand und am Ende des Tages ist man komplett verunsichert – und wenn man es nicht ist, ich bin es. Was soll das alles? Was ist noch war, was Fiktion. Ist das alles ein schlechter Film oder passiert das wirklich. Ich frage mich ob ich das alles noch einordnen kann zwischen Film, Zeitung und Wirklichkeit. Wir wissen heute nicht, was morgen ist – die Katastrophenplanung plant von Tag zu Tag neu, die Regierungen tagen Tag und Nacht und entscheiden morgens um zwei. Wieviele sterben noch? Was wird die Wirtschaft machen?

Und was macht die Gesellschaft? Hamsterkäufe. Jeder schaut für sich selbst – ist sich selbst mal grundsätzlich am nächsten. Husten im Tram, im Büro? Mir gehts gut, kein Problem. Hast du ein Problem damit? Haha – Corona – Witz… Überlebensstrategie? Galgenhumor. Geh mal auf Twitter – das ist besser als so mancher Film – Reality TV sozusagen. Italien: wir müssen zusammenhalten. Deutschland hält die Atemschutzmasken für die Schweiz zurück. Der Nachbar kauf den Laden leer. Masken in den Apotheken: seit Wochen alle weg. Desinfektionsmittel? Gebunkert irgendwo in den Haushalten: Glücklich wer sich schon vor zwei, drei Wochen eindeckte –  Hauptsache ich hab was zuhause – die anderen sind mir erst mal egal. Was gehen mich die anderen an. Ist ja nur ein Virus. Wird ja nicht von Mensch zu Mensch übertragen.

Wie lange das geht weiss niemand. Man stelle sich das mal vor. Und was, wenn es dann mal vorbei ist? In einem Jahr vielleicht, oder auch etwas früher. Was hat das Virus dann mit uns gemacht? Mit den Überlebenden? Eine Gesellschaft von Egoisten? Werte? Zuerst mal ich, dann die Wirtschaft. Vielleicht haben ja ein paar davon profitiert und wurden sogar reicher. Zum Beispiel mit billigen Aktion – oder Öl. Was macht das aus Italien? Was macht es aus der Bevölkerung?

Was macht es mit mir? Ich kann das ganze heute ehrlich gesagt gar nicht mehr einordnen. Ich arbeite noch – einfach vermehrt im Home-Office. Gehe in den Ausgang. In den Sport. Funktioniere irgendwie, muss ja. Aber wie kann ich, wie kann die Gesellschaft, solche Dinge einordnen. Verarbeiten? Am Ende können wir alle Sagen „ich war dabei“. Cool!

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